1.Mainzer Hebraistisches Kolloquium (MHK)

Bericht über das erste Kolloquium am 30. Januar 1998, erschienen in JoGu 160, der Zeitschrift der Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Mainzer Hebraistisches Kolloquium. Netzwerk gegründet.
Am 30. Januar fanden sich ca. vierzig in der Althebraistik forschende und lehrende Wissenschaftler aus Deutschland, den Niederlanden, Frankreich und der Schweiz an der Johannes Gutenberg-Universität zusammen. Die Anregung zu diesem Treffen gab der Mainzer Lektor für Hebräisch am Fachbereich Evangelische Theologie, Dr. Reinhard G.Lehmann. Er sprach die Einladung im Namen des 'Arbeitskreis Althebräische Sprachforschung' und der Forschungsstelle für Hebräische Syntax aus und sorgte gemeinsam mit Johannes F. Diehl, Doktorand an der Forschungsstelle, für die inhaltliche und organisatorische Durchführung.
Althebraistik ist die wissenschaftliche Erforschung des sogenannten klassischen Hebräisch als Sprache Alt-Israels und des Alten Testaments von den Anfängen am Ende des 2. Jahrtausends v.Chr. bis etwa um 200 n.Chr. Sie ist seit der Berufung des Prof. für Altes Testament Diethelm Michel 1981 ein Forschungsschwerpunkt in Mainz. Sowohl in Hinblick auf die alttestamentliche Wissenschaft als auch auf die Judaistik (vertreten durch Prof. Günter Mayer) kann hier anwendungsbezogen gearbeitet werden. Der Schwerpunkt wird seit 1989 didaktisch flankiert durch einen Lektor für Hebräisch, der ein breites Grundangebot in Hebräisch, Aramäisch und gegebenenfalls, in Absprache mit dem Seminar für Orientkunde, auch weiteren Nachbarsprachen sicherstellt. In den letzten 10 Jahren konnten so eine Reihe von jungen Wissenschaftlern für die Hebraistik begeistert und in die Arbeit der Forschungsstelle für Hebräische Syntax integriert werden. Daraus erwuchs ein 'Arbeitskreis Althebräische Sprachforschung' im Sinne eines 'hauseigenen Netzwerks' ständiger Kontakte und kontinuierlicher Zusammenarbeit. Die Einladung zum Mainzer Hebraistischen Kolloquium konnte hier auf schon seit der Internationalen ökumenischen Konferenz der Hebräischlehrenden 1995 in Mainz (IÖKH) bestehende Kontakte und Zusammenarbeit zurückgreifen.
Besonders in Deutschland, wie überhaupt in Europa, ist die Kontaktpflege oder Zusammenarbeit in der Hebraistik, gar über 'Schulgrenzen' hinaus, eher selten. Bevor entsprechende Publikationen vorliegen, haben daher in diesem Bereich arbeitende Wissenschaftler oft nur sehr begrenzte Kenntnis davon, was ihre Kollegen an anderen Universitäten gerade beschäftigt. Auch international ist das Fach auf Kongressen selten explizit vertreten. Kontakte bilden sich daher überwiegend im englischen Sprachbereich über von den USA aus geführten 'mailinglists' im Internet, an denen europäische Althebraisten bisher kaum beteiligt sind.Grundgedanke des Mainzer Hebraistischen Kolloquiums war daher, ein 'Netzwerk', wie es intern schon in Mainz bestand, schließlich überregional für Deutschland und, soweit es die Möglichkeiten zulassen, für Europa zu initiieren, um den Austausch auch besonders unter dem wissenschaftlichen Nachwuchs in einem Fach zu fördern, das sonst, neben seiner personell und finanziell meist eher bedrängten Lage, der Gefahr lähmender Isolation ausgesetzt wäre.
Nachdem Dr. Lehmann den Grundgedanken des Kollquiums kurz vorstellte, war der Vormittag geprägt von der gedanklichen Dichte und Materialfülle, mit der Prof. Dr. Ernst Jenni aus Basel über "Die Präposition Lamed mit dem Infinitiv" sprach. Jenni ist als Verfasser des prominentesten deutschsprachigen Lehrbuchs für das alttestamentliche Hebräisch den Studierenden ein Begriff und genießt als Autor wegweisender hebraistischer Publikationen und Mitherausgeber der 'Zeitschrift für Althebraistik' internationale Autorität. Seit 1990 arbeitet Jenni an einem Projekt zu den hebräischen Präpositionen, worüber er in rascher Folge zwei umfangreiche Untersuchungen zu den Präpositionen BET und KAPH vorlegte, die zusammen allein im Alten Testament mehr als 20000 mal belegt sind. Im Blick auf den projektierten dritten Band präsentierte Jenni in Mainz, ausgehend von einem aktuellen Übersetzungsproblem, die sprachwissenschaftlichen und methodischen Grundlagen, mit der die Grundfunktion der Präposition LAMED als 'nichtgleichstellender Relationalis' in den wiederum über 20000 Belegen unter neun Rubriken verifiziert werden kann.
Am Nachmittag trug Andreas Schüle aus Heidelberg, der an einer Grammatik der althebräischen Inschriften arbeitet, 'sprachliche Beobachtungen zu den beiden neuedierten Moussaieff-Ostraka' vor. Die beiden vor einem Jahr publizierten beschrifteten Tonscherben, die allein auf Grund der Schriftgestalt ins 7. Jh. v.Chr. datiert werden und wegen ihres Inhalts internationale Beachtung fanden, hatten vielfach auch aus den gleichen inhaltlichen Gründen den Verdacht der Fälschung geweckt. Materialanalysen konnten hier nicht zu allgemein überzeugenden Ergebnissen führen. Ausgehend von der Feststellung, daß im Antikenhandel aufgetauchte Sammlerstücke keinen Echtheitsbonus haben, war daher für Schüle die leitende methodische Frage, wie diese als Fälschungen philologisch verifiziert bzw. falsifiziert werden können.
Im Anschluß berichtete Prof. Dr. Michel, Leiter der Mainzer Forschungsstelle für Hebräische Syntax, über den Stand des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projekts zur Hebräischen Syntax.Der Fortgang des Kolloquiums stand unter der Thematik des Informationsaustausches und des 'Netzwerks'. Johannes F.Diehl, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Forschungsstelle, führte Möglichkeiten einer europaweiten Kommunikationsstruktur für in der Althebraistik forschende und lehrende Wissenschaftler vor. Kommunikatives Zentrum und Anlaufstelle wäre dabei die Mainzer Forschungsstelle für Hebräische Syntax und der Arbeitskreis Althebräische Sprachforschung. Jährliche Kolloquien in Mainz sollten die regelmäßige Gelegenheit sein, sowohl spezielle hebraistische Fragen im kollegialen Kreise zu erörtern als auch insbesondere den Austausch über einschlägige Arbeitsvorhaben (Promotionen, Habilitationen, spezielle Projekte) in einer Disziplin zu fördern, die in so unterschiedlichen Fachrichtungen wie Theologie, Judaistik, Semitistik, Orientalistik und Allgemeiner Sprachwissenschaft zu Hause ist. Diesem Anliegen soll als ständiger Möglichkeit eine mailinglist im Internet dienen, die von Mainz aus betrieben wird. Hier kann teilweise an das Vorbild bereits bestehender Listen anderer Fachrichtungen angeknüpft werden. Eine Testversion für einen eingeschränkten Kreis ist vom Zentrum für Datenverarbeitung der Universität schon im Sommer 1997 installiert worden und soll im Laufe des Jahres 1998 weiteren Kreisen im Internet zugänglich gemacht werden.
Prof. Takamitsu Muraoka, Leiden, stellte in diesem Zusammenhang sein Newsletter for Pre-Modern Hebrew Studies vor, das seit 1996 in jährlicher Erscheinungsweise ein ähnliches Anliegen vertritt, allerdings nicht in elektronischer Form zugänglich ist. Auch bei anderen Teilnehmern stellte sich heraus, daß von den Kommunikationsmöglichkeiten des Internet vor allem wegen unzureichender Ausstattung immer noch wenig Gebrauch gemacht wird.
Alle Beteiligten befürworteten die Mainzer Initiative als einen notwendigen Schritt hin zu besserem gegenseitigen Austausch.
Das nächste Mainzer Hebraistische Kolloquium soll im November 1998 stattfinden.