2.Mainzer Hebraistisches Kolloquium (MHK)

Bericht über das 2. Mainzer Hebraistisches Kolloquium am 21. November 1998

Nach dem Erfolg des spontan zustandegekommenen ersten Mainzer Hebraistischen Kolloqiums im Januar 1998 konnte mit finanzieller Unterstützung der Universität und der Vereinigung der Freunde der Universität wie geplant gegen Ende des Jahres ein zweites Kolloquium stattfinden. Wiederum hatte der Arbeitskreis für Althebräische Sprache am Fachbereich Evangelische Theologie unter Federführung von Dr. Reinhard G.Lehmann und Johannes F.Diehl dazu eingeladen, und wie Dr. Lehmann, der Sprecher des Arbeitskreises, hervorhob, hätte das Kolloquium zur gro§en Freude der Mainzer Hebraisten nun auch im europäischen Ausland soviel Beachtung gefunden, da§ man sogar längere Anreisen selbst für diese eintägige Veranstaltung nicht mehr scheute. So fanden sich am 21. November mehr als fünfzig am Klassischen Althebräischen lehrende und forschende Theologen, Semitisten und Orientalisten aus Deutschland, der Schweiz, den Niederlanden, Frankreich und Schweden zusammen, um das Gespräch miteinander und über die Vorträge der geladenen Referenten zu suchen. Sicherlich dazu beigetragen hatte der Erfolg der mailingliste *hebraisticum*, die als Initiative des Arbeitskreises am 1. Oktober 1998 im Internet starten konnte. *hebraisticum*, betreut von Johannes F.Diehl, bietet eine internationale Kommunikationsplatform für aktuelle Fragen der Althebraistik, auf der unter sprachlichem Gesichtspunkt hebrSische Texte des Alten Testaments und der alten Inschriften ebenso behandelt werden ksnnen wie speziellere grammatische oder epigraphische und prinzipielle auf das Hebräische bezogene sprachwissenschaftlichen Themen. Insbesondere hat sich *hebraisticum*, hervorgegangen aus den seit Jahren stattfindenden Arbeitssitzungen der Forschungsstelle für Hebräische Syntax (Prof. Diethelm Michel, Fachbereich 02), in den letzten Monaten bereits als Instrument der schnellen Kontaktaufnahme und Informationsvermittlung bewährt, was in dem kleinen Spezialfach der Althebraistik mit seiner institutionellen Anbindung an so verschiedene Fächer wie Semitistik, Orientalistik und Alttestamentliche Theologie rasch zu einer spürbaren Belebung der wissenschaftlichen Diskussion unter Einschluß von Fragen der didaktischen Anwendung und Vermittlung führte.Mit grö§ter Spannung wurde auf dem Kolloquium der Vortrag von Prof. Dr. Takamitsu Muraoka erwartet, der als prominentester Redner des Tages mit "Some remarks on the Hebrew nominal clause" zugleich das Thema vorgab. Muraoka lehrte seit 1970 semitische Sprachen in Manchester und Melbourne, seit 1991 ist er Professor für Hebräisch an der Universität Leiden. Als Verfasser mehrerer hebraistischer und aramaistischer Standardwerke und Hilfsmittel und als engagierter und anregender Gesprächspartner genießt Muraoka weltweit hohes Ansehen in seinem Fach. Ein besonderes Interesse gilt bei ihm dem Nominalsatz, der im Hebräischen wie in anderen semitischen Sprachen als Satztyp ohne finites Verb eine vieldiskutierte Sonderrolle spielt und über dessen formalen Aufbau und sein syntaktisches Leistungsspektrum bis heute keine Einigkeit in der Forschung besteht. Eine Grundentscheidung, so hob Muraoka hervor, falle schon in der Terminologie, sofern einerseits die verbreitete Bezeichnung "verbless clause" die Beteiligung eines Partizips ausschlösse, andrerseits "nominal sentence" die Möglichkeit eigebetteter Sätze a priori zuließe - beiden Begriffen gegenüber sei es klarer, zunächst nur von "nominal clause" zu sprechen. Besondere Probleme ergeben sich dabei immer noch in der Bestimmung von Subjekt und Prädikat, in der mehrheitlich vertretenen Funktionsanalyse als Identifikation und Klassifikation sowie in der Frage nach der Existenz von sogenannten Zusammengesetzten Nominalsätzen, die unter bestimmten Bedingungen auch ein finites Verb im Nominalsatz zulassen würden. Muraokas Hauptaugenmerk galt jedoch den sogenannten "tripartite nominal clauses", die zusStzlich zu den beiden obligatorischen nominalen Gliedern als ein drittes Konstituens ein unabhängiges Personalpronomen enthalten. Auffällig ist hier das Vorkommen von zwei nahezu gleich häufig auftretenden 'patterns', die das Pronomen entweder in Zweitstellung oder aber in Endstellung enthalten. Ihre funktionale Abgrenzung voneinander ist nicht immer deutlich und dadurch erschwert, daß für die althebräische Sprache solche Faktoren wie Betonung und Akzent im Sprachvollzug nicht mehr bekannt sind, doch scheint das Pronomen in solchen Sätzen meist als Urform der Emphase aufzutreten und seine Stellung daher letztlich entscheidend für die Leistung und Analyse dieser Sätze zu sein.Den einen speziellen Nominalsatz 'ani YHWH ("Ich bin Jahwe") stellt dann Anja A. Diesel, langjährige Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Mainzer Forschungsstelle für Hebräische Syntax, in den Mittelpunkt ihrer Überlegungen. Die vielverhandelte Frage dieser im Alten Testament häufig auftretenden sogenannten "Selbstvorstellungsformel" ist die nach Subjekt und Prädikat bzw., Diethelm Michel folgend mit Begriffen in Anlehnung an die arabischen Nationalgrammatiker, nach 'mubtada' und 'chabar'. Angesichts der offenkundigen formalen Unumkehrbarkeit der Satzteilfolge in dieser Formel mu§ hier als der "exegetische Ertrag einer grammatischen Theorie" festgehalten werden, da§ es sich nicht um eine Selbstvorstellung im engeren Sinne handelt und sich die Funktion des Satzes im Laufe der Religionsgeschichte von der Präsentation in polytheistischem Kontext zur Rekognition und zur Verdeutlichung des Alleinanspruchs Jahwe's gewandelt hat. Den offiziellen Teil des Kolloquiums beschlo§ Privatdozent Dr. Josef Tropper aus Berlin, der aus dem Blickwinkel des speziell mit dem Nordwestsemitischen befaßten Semitisten die "Funktionen der Präformativkonjugation Kurzform" darstellte. Diese besondere, im Hebräischen nicht mehr überall formal erkennbare Verbalkonjugation habe trotz ihrer weiten Funktionspalette stets perfektive Funktion, womit sich das Hebräische als typologisch eher alte nordwestsemitische Sprache zeige.